Rom (dpa) - Die Angst geht um im Radsport-Milieu, das durch den Fall Basso weiter in Mafia-Nähe gerückt ist. «Sie haben Angst, zu reden. Sie fürchten Schlimmes. Diese Jungs sind Opfer, umgeben von Managern, Ärzten und Handlangern», sagte CONI-Chefermittler Ettore Torri.
Giro-Gewinner Ivan Basso musste nach seiner Geständnis-Farce in der Fuentes-Affäre weltweit Presse-Prügel einstecken. Der ebenfalls geständige Radprofi Michele Scarponi ging offensichtlich beim Verhör der Anti-Doping-Agentur des NOK (CONI) weiter als sein prominenter Kollege. «Scarponi hat in zwei Stunden das gesamte Doping-System von Fuentes dargelegt», berichtete die italienische Sportzeitung «Gazzetta dello Sport».
Unterdessen scheint Jan Ullrich immer weiter ins Abseits zu geraten. Zwar wollte Radsport-Manager Thomas Kofler vom Zweitliga-Team «Volksbank» Ullrichs endgültige Demission als Berater und Werbeträger nicht bestätigen, sagte aber der dpa: «Die Zusammenarbeit liegt auf Eis bis wir endgültige Klarheit haben, wie der Fall weitergeht.» Der Österreicher ließ keinen Zweifel daran, dass Ullrich bei den Saisonhöhepunkten des Teams, Tour de Suisse (16. -24. Juni) und Deutschland-Tour (10.-18. August), nicht auftreten wird.
Um die Wildcard für die Deutschland-Tour zu bekommen, musste das Kofler-Team den Ethik-Code unterschreiben, der auch schon die Zusammenarbeit mit unter Dopingverdacht stehenden Personen verbietet. Es bringe nichts, Ullrich zu einem Geständnis aufzufordern, «wenn er sagt, er habe nichts zu gestehen. Zu was ich ihn aufgefordert habe, ist, reinen Tisch zu machen und sich vollumfänglich zu äußern, aber das hat alles nichts gefruchtet», erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach in einem Interview mit der «Welt».
Der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Peter Danckert, hat Ullrich erneut ein vertrauliches Vier-Augen-Gespräch angeboten. «Jetzt gibt es für Jan Ullrich noch eine Chance, sich mit einer Vorwärtsstrategie klar zu positionieren, welches Ausmaß die ihm vorgeworfenen Doping-Verstrickungen haben», erklärte der SPD-Politiker. Ullrich könnte sich in der Doping-Affäre durch klare Äußerungen über sein Mitwirken, aber auch über die Beteiligung seiner medizinischen Betreuer vom Druck befreien, meinte Danckert. Über Einzelheiten seiner Kontaktaufnahme mit dem Tour- Sieger von 1997 äußerte sich der Bundestagsabgeordnete nicht.
Im Zusammenhang mit der Doping-Affäre um einen Arzt aus dem niedersächsischen Bad Sachsa will die Staatsanwaltschaft Göttingen jetzt Basso vernehmen. «Wir werden Basso von unseren italienischen Kollegen in Bergamo befragen lassen», sagte der Behördensprecher Hans Hugo Heimgärtner. Zusätzlich sollen Beamte des Bundeskriminalamtes den italienischen Profi vernehmen. Der Arzt aus Bad Sachsa steht im Verdacht, Fuentes mit Dopingmitteln beliefert zu haben.
Torri kündigte weitere Gespräche mit Basso und Scarponi an und will sich persönlich bei der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA für eine Reduzierung der üblichen Zwei-Jahres-Sperre auf die Hälfte für beide Fahrer bemühen. Ein glühendes Plädoyer für Basso hielt auch CONI-Chef Gianni Petrucci, der trotz der klaren Gesetzeslage im WADA-Code zu bedenken gab: «Es ist das erste Mal, dass ein Topathlet kooperiert. Ich stehe zu Ivan und habe exzessivem Moralismus schon immer misstraut.» Womöglich hat ja der vor seinem Pseudo-Geständnis in Italien als «Kronzeuge» gefeierte 29-Jährige beim CONI mehr gesagt als in der peinlichen Pressekonferenz am folgenden Tag in Mailand.
Das deutete auch Bassos Anwalt Massimo Martelli an. «Ivan hat seinen Fall betreffend beim CONI alles erzählt. Er kann ja nur für sich sprechen. Die Fahrer fuhren ja nicht in Bussen zu Fuentes nach Spanien», sagte er der «Gazzetta dello Sport». Zum Fall Basso sagte Bach: «Das klingt schon sehr nach Taktiererei. Aber nach dem WADA-Code wird ihm seine Darstellung nicht viel helfen, weil auch Vorstufen des Dopings sanktioniert werden können. Nach einem befreienden Geständnis hört sich die Aussage nicht an. Natürlich könnte Basso für den Giro 2006 noch nachträglich disqualifiziert werden.»