Berlin (dpa) - Seit dem Weggang von Jan Ullrich lebt Alexander Winokurow im Team Telekom auf. Gäbe es eine Halbsaison-Weltrangliste, würde der 29-jährige Olympia-Zweite aus Kasachstan im Moment unangefochten an ihrer Spitze stehen.
Im März gewann Winokurow zum zweiten Mal die traditionsreiche Etappenfahrt Paris-Nizza, im April holte er sich seinen ersten Weltcupsieg vor einem ambitionierten Lance Armstrong beim Amstel Gold Race und nun gewann er als Telekom-Kapitän die 67. Tour de Suisse vor seinem Team-Kollegen Giuseppe Guerini aus Italien. «Was Winokurow da geleistet hat, ist außergewöhnlich», lobte sein Ex-Chef Ullrich, der in der Schweiz auf Rang sieben fuhr.
Logisch, dass der ehrgeizige Kasache, der seit Jahren aus Steuer- und Trainingsgründen in Nizza lebt, für die am 5. Juli unter dem Pariser Eiffelturm beginnende Tour de France ein «sehr gutes Gefühl» hat. Sein Ziel ist klar umrissen, obwohl er damit unter Umständen nicht ganz die Vorstellungen seiner Teamleitung treffen könnte: «Ich will auf's Podium.» Dafür sei es laut Winokurow, der nach dem Todessturz seines Landsmannes bei Paris-Nizza eine «Andrej Kiwilew- Stiftung» zur Förderung des kasachischen Nachwuchses ins Leben rief, nötig, dass «unser gesamtes Team Armstrong permanent attackiert». Seit Jahren unterstützt Winokurow, der nach seinem Silbermedaillen-Gewinn von Sydney zu Hause in den Rang eines Majors erhoben wurde, seinen Landesverband mit Rädern, die er aus eigener Tasche bezahlt.
Der augenblickliche Höhenflug des Kasachen lässt allerdings Rückschlüsse auf seinen bevorstehenden Auftritt in Frankreich, auf den er im Vorjahr nach einem Sturz bei der Tour de Suisse verzichten musste, nur bedingt zu. «Die Tour de France ist eine andere Geschichte. Er hat jetzt durch diesen großartigen Sieg natürlich enormes Selbstvertrauen. Aber bei langen Steigungen im Hochgebirge und im Zeitfahren gegen die besten der Welt hat er sicher noch seine Schwierigkeiten. Sein Ziel für die Tour sollte in erster Linie ein Etappensieg sein und dafür ist es nötig, in Ausreißergruppen dabei zu sein», empfahl Telekom-Sprecher und Teamchef Olaf Ludwig.
Sein Coup in der Schweiz hatte für Winokurow den angenehmen Nebeneffekt, dass er sich im Telekom-internen Rennen um die Kapitäns-Ehre für die Tour ziemlich nach vorne geschoben hat. Dass es dabei zwischen dem bisher wenig überzeugenden Zeitfahr-Weltmeister Santiago Botero (Kolumbien) und dem früheren Giro-Gewinner Paolo Savoldelli (Italien) Differenzen geben könnte, weist Ludwig von sich. «Es wird bei uns kein Gerangel um die Kapitäns-Würde geben. Erst nach den Alpen und dem ersten Einzelzeitfahren wird sich ziemlich spät heraus kristallisieren, wer von unseren Fahrern im Gesamtklassement am besten aussieht und ob es Zweck hat, für den zu fahren», meinte Ludwig.