Waldenburg (dpa) - Steffen Wesemann strebt den Friedensfahrt-Rekord als Entschädigung für entgangene Klassiker-Erfolge im Frühjahr an. Ein Sturz bei der Flandern-Rundfahrt hatte dem Wahl-Schweizer im April einen Strich durch die Rechnung gemacht - Monate lange Trainingsqual im Winter schien umsonst.
Doch die erlittene Rippenprellung verhinderte zwar seinen Start bei Paris-Roubaix und einen möglichen Sieg im vielleicht wichtigsten Weltcup-Rennen. Aber die 56. Friedensfahrt blieb als Alternative mit besten Siegchancen, wegen überschaubarer Konkurrenz.
Auf der 4. Etappe schuf sich Wesemann durch seinen Husarenritt beste Voraussetzungen, die Vierfach-Sieger Ryszard Szurkowski (Polen) und Uwe Ampler (Leipzig) am 17. Mai in Erfurt zu überholen. Fast sieben Minuten haben der 32-Jährige und Vorjahressieger Ondrej Sosenka (Tschechien) Vorsprung vor dem Rest des Feldes. Die Friedensfahrt ist plötzlich ein Duell Mann gegen Mann geworden. Vorteil Wesemann? «Na klar. Ondrej muss sieben Sekunden aufholen, nicht ich», sagte der Telekom-Routinier, der die Entscheidung am vorletzten Tag auf dem Aschberg bei Klingenthal erwartet.
«Hätte ich keine Siegchance gehabt, wäre ich nicht angetreten. Jetzt kann ich dank eines tollen Teams den fünften Sieg erreichen», sagte der gebürtige Wolmirstedter, der die ehemalige «Tour de France des Ostens» 1992, 1996, 1997 und 1999 gewann. Mit seiner Formexplosion verwunderte Wesemann sogar seinen Teamleiter Mario Kummer: «Wie es heute gelaufen ist, hat mich selbst überrascht.» Andere Fahrer, wie Wesemanns Ex-Teamkollege Jens Heppner (Gera), waren geknickt. Lange führte der 38-Jährige zehn Ausreißer über die Berge, als Wesemann und Sosenka diese Gruppe einfach stehen ließen.
Vor allem psychisch ist Wesemann stärker denn je. Trainer Thomas Schediwie hat ihn bestens im Griff, die Familie mit Frau Caroline ist immer öfter an seiner Seite. Sogar zur Tour-Präsentation kam sie mit, auch in Frankfurt/Oder wird sie erwartet. «Darauf freue ich mich riesig. Caroline ist mein Lebensglück, mein großer Rückhalt. Vor allem ihr verdanke ich, dass ich mich so großartig fühle», sagte Wessmann, der zu Beginn seiner Karriere als besonders lebensfroher Profi galt und deshalb vor Jahren schon knapp vor der Kündigung bei Telekom stand.